Erfrischung im Wald
in

Inspiration

Fernab von den Wegen läuft sie durch das Dickicht, visualisiert die Pilze, die sie finden will, die Fette Henne, das Stockschwämmchen und natürlich Pfifferlinge und Maronen, sie biegt Zweige weg, steigt über liegende Stämme und Gestrüpp, unter ihren Schuhen knackt es, Spinnen fallen von den Bäumen. Dann sieht sie ein prächtiges Exemplar, kniet sich hin, schneidet den Pilz vorsichtig ab, streicht darüber, und von dem Teil, der in der Erde war, gibt sie ein Stückchen der Natur zurück, drückt es wieder in den Boden.

Sehr lebendig kommt ihr der Pilz vor, seine Energie geht nun auf sie über, der Wald hat ihr ein Geschenk gemacht. Nach vier Stunden Sammelarbeit kommt sie erfrischt und inspiriert zurück, in ihrem Korb tummeln sich zwei Dutzend Prachtstücke. Die bringt sie mit zum Mädelsabend, dazu gibt es Rührei, frisches Baguette und Weißwein.


Diese Geschichte erzählt mir meine Freundin Sandra, und ich schaue sie ungläubig an. Lebendig? Energie?
Wirklich? Und wie schmeckten die Pilze, frage ich. Sie lacht. Wir hatten einen sehr lustigen Abend, sagt sie.
Dass die Früchte der Natur anregen können, verstehe ich. Dass Geschichten über das Essen einen dazu bringen können, sich selbst als Koch zu betätigen, auch. Ich lese gerade mit großem Vergnügen die Krimireihe von Martin Walker über Bruno, Chef de Police, die im Périgord in Frankreich spielt (erschienen im Diogenes Verlag).

Bruno liebt es zu kochen, und sehr ausführlich wird die Zubereitung von Forelle in Backpapier-Päckchen, Suppe aus Entenkarkassen, Hühnchen in Verjus, Tarte Tatin mit roten Zwiebeln, Vin de Noix aus Walnüssen, etc. beschrieben. Eine Geschichte spielt auf dem Trüffelmarkt, eine andere beschäftigt sich mit dem Keltern von Wein. Ich, die ich Kochbücher für Fremdlektüre erachte und einen weiten Bogen um die Küche mache, ertappte mich kürzlich dabei, dass ich ein einfaches Rezept mit Kartoffeln ausprobierte.

Natürlich klappte es nur so lala, aber ich hatte Spaß dabei.

Inspiration kommt aus dem Lateinischen und setzt sich zusammen aus „in“, das für „hinein“ steht, und „spirare“, das „atmen“, „einhauchen“ bedeutet.

In der Geschichte wurde diese Eingebung oft als „göttliche“ gesehen.
Das Christentum begreift schon das Wort der Bibel selbst als von Gott inspiriert und erzählt von vielen Erweckungsmomenten, in denen ein Stern den Weg weist, ein Licht die Erleuchtung bringt, ein Zeichen die Lösung. In der Romantik ging es um das Sprengen aller Grenzen und die Vorherrschaft des Gefühls, einer freien schöpferischen Fantasie, die sich lyrisch, episch und dramatisch austoben wollte und auch durfte. Liebe und Leidenschaft waren der Auslöser und die Erfüllung jeglichen Inspiriertseins.

Heute ist Inspiration in allen Bereichen zu finden. Ganz klassisch in der Kunst, wenn ein Maler seine Muse malt. Moderner im Fashion Blog, wenn die Schreiberin ihre Lieblingsstücke vorführt. Bei Interviews gehört die Frage, was hat Sie zu dem Film, dem Buch, dem Song inspiriert, zum Standardrepertoire. Und die Antwort kann alles sein, von den Farben Marrakeschs bis zum Augenzwinkern des Schoßhündchens. Vorhin ging ich an einem Kaufhaus vorbei und las auf dem Werbebanner mit einem Model den Schriftzug „We love Inspiration“.
Das lässt sich sehr verschieden verstehen. Das Kaufhaus liebt es, inspiriert zu sein. Das Kaufhaus liebt es, dass es so etwas wie Inspiration gibt. Das Kaufhaus möchte Kunden inspirieren. Das Kaufhaus liebt inspirierte Kunden. Na ja, und natürlich Kunden, die kaufen.
Inspiration ist selbst ein Gefäß geworden, dem wir einhauchen können, was wir möchten.
Im Yoga Vidya, einer Yoga-Schule, bei der es viel um Meditation und Spiritualität geht, wird den Schülern geraten, ein Inspirationstagebuch zu führen. War es ein Gespräch, das mich angeregt hat, eine Beobachtung in der U-Bahn, ein Spaziergang am Strand, ein Besuch im Fitness-Studio, eine Folge von „Grey’s Anatomy“? Die Yoga-Leute schlagen natürlich auch vor, dass man das Singen von Mantras ausprobiert. Überzeugend finde ich aber den Gedanken, dass sich beim Nachlesen dieser Liste feststellen lässt, was eigentlich die Momente sind, die einen inspirieren. Und dann versucht man, Bedingungen zu schaffen, damit diese Momente möglichst wiederkommen können.

Letztlich geht es um eine Art Initialzündung. Ich bin offen für etwas, das da kommt. Das mich dazu bringt, etwas zu tun, das mich am Ende glücklich macht. Zufrieden. Oder von mir aus auch „beseelt“.
Und das hat nichts mit Kreativität zu tun, kann es, muss aber nicht. Vielleicht ist es eine Art Bewusstsein, das dem eigenen Leben Klarheit gibt. Und die Ereignisse, zu denen mich die Inspiration bringt, sind dann wie Perlen auf meiner Lebensschnur – und diese Schnur habe ich selbst gespannt.
Ob ich vielleicht auch mal Pilze sammeln gehe?

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Marianne

Geschrieben von Marianne

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